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Der Kuss

„Diesen Kuss der ganzen Welt.“ So heißt es in Schillers Ode An die Freude. Neben ihm haben sich noch unzählige weitere Lyriker mit der wohl symbolträchtigsten Ausdrucksform der Menschen befasst, unter anderem in äußerst amüsanter Form Wilhelm Busch .

Um die Bedeutung dieses Verständigungsmediums zu verstehen, müssen wir die Zeit etwas zurückspulen. Anfänglich hatte der Kuss ziemlich wenig mit Romantik zu tun, sondern war eher eine praktische Angelegenheit. In der Steinzeit, in der die Sauger, Fläschchen und Löffelchen noch nicht einmal erdacht, geschweige denn erfunden waren, erfanden die Mütter das Küssen aus einer Art Notlage heraus. Sie kauten ihren Babys das Essen vor und schoben ihnen den Speisebrei in den Mund. Eine Mund-zu-Mund-Fütterung sozusagen.

Heute ist der Kuss wesentlicher Bestandteil zwischenmenschlicher Kommunikation. Über 100.000 Küsse soll ein Mensch durchschnittlich in seinem Leben verteilen. Ausgetauscht zum Zeichen des Vertrauens, aus Hingabe, aus zärtlichen Gefühlen, zur Steigerung der Lust. Er ist ein Symbol der Liebe oder zumindest inniger Nähe. Eine non-verbale Sprach- und Ausdrucksform mit individuellem Dialekt und großen Unterschieden zwischen den einzelnen Kulturen. Man könnte es so überschreiben: „Zeig mir deine Lippen, und ich sag dir, wer du bist.“

Sozialistischer Bruderkuss

Nicht nur der Kuss aus Leidenschaft oder der erste Kuss sind Gründe für eine Annäherung der Lippen. Denken wir einmal nur an den Politischen Kuss, mit dem so unterschiedliche Führer wie Erich Honecker und Leonid Breschnew miteinander kommunizieren. Wie oft wurde diese Bild reproduziert? Heute gilt diese kräftige Lippenbegegnung als Inbegriff für die sowjetisch-ostdeutsche Kommunikationssprache – als Bruderkuss. Oder auf der Leinwand: Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart küssten sich in „Casablanca“, Leonardo di Caprio und Kate Winslet verschwanden weniger glücklich mit der Titanic in den Fluten des Eismeeres. Wobei letztere übrigens später behauptete, dass Leonardo ganz schrecklich küssen würde.

Noch zwei Beispiele für symbolkräftige Kussformen: Zeigt der weit verbreitete Gute-Nacht-Kuss den Jüngsten unter uns nicht klar an, dass der Tag für sie jetzt zu Ende ist? Und soll nicht der meist nur sehr zärtlich und vorsichtig dahingehauchte Hochzeitskuss das zuvor Vereinbarte abschließen sowie dabei allen Nahestehenden zeigen, dass diese Vereinigung lange halten wird? Ein Kuss mit klarer Aussagekraft also, auch wenn sie sich in rund einem Drittel aller Fälle als Irrtum herausstellt, denn viele dieser Langzeitbeziehungen halten doch nicht ewig..

Rein chemisch betrachtet ist so ein Liebeskuss allerdings wenig verlockend: Mit dem Speichel tauschen die züngelnden Partner neben Wasser und Fetten auch Bakterien und Viren aus. Eine eher ansteckende Kommunikation also. Und eine anstrengende hinzu. Kräftig sind die zahlreichen, um den Mund herum gelegenen Muskeln damit beschäftigt, Ober- und Unterlippe vor und zurück zu bewegen. Abhängig natürlich von der Intensität des Kusses.

Doch diese Faktoren interessieren uns Küssende wenig. Wir genießen die weiche, meist warme Berührung und den Geschmack, lassen unseren Puls auf 150 Schläge in der Minute ansteigen und unsere Seele von den ausgeschütteten Glückshormonen – den Endorphinen – in ein euphorisches Stimmungshoch versetzen. Und noch etwas Positives: Regelmäßiges Küssen soll die Lebenserwartung erhöhen. Heißt es zumindest.

Kein Wunder also, dass bei all diesen positiven Wirkungen viele unersättlich im Küssen sind. Der aktuelle Rekord im Endlos-Küssen liegt bei 30 Stunden und 45 Minuten. Ohne Pause und im Stehen.

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